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Caros Burros,

Liebe Esel! Es hat mich gefreut, eure Bekanntschaft zu machen. Ich hatte bisher keinen blassen Schimmer von eurer Existenz, aber die gemeinsame Wanderung mit dem bunt zusammen gewürfelten Menschenhaufen hat mich doch sehr beeindruckt. Ich war aber – ehrlich gesagt – skeptisch, denn ihr werdet ja auch von Schäfern erfolgreich als Herdenschutzesel gegen Hundeartige eingesetzt. Doch nach dem ersten Schnupper-Kontakt wusste ich sofort, ihr seid so friedlich wie Lämmchen. Futterneid kann und wird es bei uns auch nicht geben, bevorzugt ihr doch überwiegend Gras, Hafer und Unmengen von Karotten, mit denen ich als Karnivore überhaupt nichts anfangen kann. Ihr seid sehr treue Seelen mit neckischen langen Ohren, mögt Streicheleinheiten, habt keine Höhenangst, eine Mordsgeduld und eine zähe Ausdauer. Nein, Tempo-Bolzer seid ihr nicht. Ihr schätzt den gemütlichen Trott und bestimmt so gesehen die Geschwindigkeit. Nur müsst ihr viel Proviant und Gepäck tragen, doch das macht ihr Esel ja seit Tausenden von Jahren. Sofia von Mentzingen scheint eine gute Rudelführerin zu sein. Bei ihr habt ihr eine echte Zukunftsperspektive und keiner von euch mitunter störrischen Huftieren wird jemals den Kernsatz des Märchens der Bremer Stadtmusikanten wiehern müssen: „Etwas besseres als den Tod findest du überall.“

  • Rast an den Steilklippen von Carreagem
    Esel und Wanderer bei Carreagem

Die Tour war übrigens vortrefflich gewählt. Ich mag offenes Gelände wie die Ebene Planalto do Rogil mit ihrem Blütenteppich aus Zistrosen, Thymian, Lavendel, Ginster, wildem Fenchel und Erikas. Doch wo waren nur die Iberischen Hasen und Wildkaninchen, meine bevorzugten Beutetiere? Gut, man kann nicht alles haben, dafür entschädigte das friedliche Picknick im Schatten von Schirmpinien und Kiefern und Snacks wie Salami (nicht vom Esel!), Schinken, Käse, Kuchen, Melone, Wein und Wasser, das mein Futterbeschaffer immer dabei hat, wenn wir auf Tour gehen. Er ist quasi mein Wasserträger. 300 Meter südlich von Carreagem/Pedra da Mina sah ich zum ersten Mal im Leben die Unendlichkeit des Ozeans. Freie Sicht bis Amerika. Ihr habt den Zweibeinern mächtig imponiert, denn ihr habt euch gewandt und sehr, sehr trittsicher entlang der Steilhänge und Klippen bewegt, während sie die gigantische Aussicht genossen und sich gegenseitig fotografiert haben. Die spinnen, die Menschen! Der Strand von Amoreira war in der Tat traumhaft, doch ich bin nicht der Typ, der stundenlang in der Sonne liegt. Ich weiß ein Dasein im Schatten mehr zu schätzen. Die Terrasse des Café-Restaurants Paraíso do Mar war dafür bestens geeignet. Draußen an der Brandungslinie lauerten Surfer auf die ideale Welle, um auf ihr an den Strand zu gleiten. Gerne hätte ich ihnen noch ein Weilchen zugeschaut, doch die Wesen aus der Gattung des Homo sapiens mussten ja unbedingt weiter – ihr Aktiv-Programm umsetzen. Der Weg ist bei ihnen das Ziel und dieser führte vorbei an verlassenen Höfen des Monte Amoreira. Da wurdet ihr ganz schön schnell, denn für euch es ging ja nach Hause – zum Ausgangspunkt am Campingplatz Serrão, wo man euch die letzten Karotten vors Maul hielt. Also, mir hat die sogenannte Esel-Wanderung gefallen. Slow is beautiful! Macht’s gut und bis bald.

  • Praia da Carreagem
  • Lack-Zistrosen
  • Das blaue Haus von Pego das Éguas

Informationen:

Burros & Artes, Aljezur

Eselwandern

Tel. 967 145 306

burros.artes@gmail.com , http://burros-artes.blogspot.pt

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in Algarve Vida 07.12, Seite 22