Culture


Das Kastell

  • Professor Gerald Grabherr beim Fixieren der Messpunkte

Kurz vor 6 Uhr. Die aufgehende Sonne rötet gerade den östlichen Horizont. Silbern glänzt der Guadiana zwischen den dunklen Silhouetten der Berge. Zusammen mit meiner Frau Marina genieße ich diese Stimmung. Wir sind hier in Montinho da Laranjeiras bei Alcoutim, um bei der Ausgrabung am Castelinho dos Mouros mitzuhelfen. Von diesem Castelinho war vor vier Jahren nur eine unscheinbare Mauerkuppe auf einem kleinen Hügels am Ufer des Flusses zu sehen, und maurisch waren die Reste auch nicht – sie stammten aus der römischen Zeit. Mittlerweile sind mehr als 2 m hoch aufragende Mauern auf einer Fläche von etwa 16 x 16 m frei gelegt. Das Unternehmen ist ein Musterbeispiel für europäische Integration auf unterer Ebene. Ins Leben gerufen hat das Projekt der deutsche Archäologe Felix Teichner von der Uni Frankfurt. Die offizielle Leitung liegt in portugiesischen Händen – bei Alexandra Gradim, der resoluten Stadtarchäologin aus Alcoutim. Aber die unbestrittene wissenschaftliche Autorität ist Gerald Grabherr, Professor an der Uni Innsbruck (Österreich), der mit seiner Frau Barbara, ebenfalls Archäologin, an der Grabung teilnimmt. Ferner zwei italienische Doktoranden aus Südtirol, Karl Oberhofer und Freundin Julia, sowie eine wechselnde Zahl deutscher und portugiesischer Studenten. Zusammen mit den freiwilligen Helfern des archäologischen Vereins der Algarve (AAA) – die Amerikanerin Mary, ihr englischer Lebenspartner Bill und uns – kann man durchaus von einem bunten Haufen sprechen.

  • Studentin gräbt an der Außenmauer

Archäologie heute hat nicht viel mit den Abenteuern eines Indiana Jones zu tun, auch wenn Geralds arabische Kufiya und Karls speckiger Lederhut stark daran erinnern. Oben auf dem Hügel ist harte Knochenarbeit mit Hacke, Schippe und Schubkarre angesagt. Schätze zu finden, erwartet niemand, im Gegensatz zu jenem erfolglosen Raubgräber, der vor 60 Jahren hier aktiv war und einige Strukturen zerstört hat. Es sind Erkenntnisse, die es gilt zu gewinnen. sind! Und die schöpft man sowohl aus den vorgefundenen architektonischen Besonderheiten, als auch aus den unscheinbaren Keramikfragmenten, Knochen und Metallobjekten. Deshalb ist die Tätigkeit eines slave diggers, wie man freiwillige Helfer scherzhaft nennt, keinesfalls langweilig, denn bei der Arbeit darf nicht das kleinste Artefakt übersehen werden. Ich vergleiche es mit Goldgräberei: Genauso aufregend aber ungleich spannender, weil man nicht schon vorher weiß, was zum Vorschein kommt. Wenn ich zwischendurch den schmerzenden Rücken strecke und über die immer noch ursprüngliche Landschaft und den gemächlich dahinströmenden Guadiana blicke, verdichten sich die jüngsten Erkenntnisse, frühere Forschungsergebnisse und historisches Wissen zu einem Bild: Es ist das letzte vorchristliche Jahrhundert. Die Karthager sind schon längst aus Iberien vertrieben, und die Römer haben die Herrschaft übernommen. Doch noch immer sind die Zeiten unsicher. Ein Angehöriger der einheimischen Nobilität hat sich mit den römischen Besatzern arrangiert, deren Lebensart angenommen (wie Amphoren- und Geschirrfunde beweisen) und hier oben seinen befestigten Wohnsitz gebaut – wenn auch nicht so exakt und rechtwinklig wie die Römer selbst es getan hätten. Womöglich hatte er sogar den Auftrag, den Schiffsverkehr auf dem Fluss zu überwachen und zu sichern, denn die römischen Handelsschiffe transportierten wertvolle Fracht wie Kupfer, Eisen, Blei und Silber aus den Minen in der Nähe des heutigen Mertola.

  • Rio Guadiana
  • Dr. Alexandra Gradim (links) leitet die Ausgrabung
  • Karl Oberhofer, Spezialist mit der Spitzhacke
  • Reparatur des Grabwerkzeugs

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in Algarve Vida 06.12, Seite 28